19.11.2011

Archiv

Dr. Fritz Felgentreu Dr. Fritz Felgentreu (© Hans-Christian Plambeck, 2009)

Wie bisher werde ich frühere Berichte, vergangene Veranstaltungen, ausgeschiedene Personen und anderes archivieren.

Weitere passende Vorschläge können hier eingetragen werden.







  • 02.05.2010

Tempelhofer Feld für alle: Jetzt die Chancen nutzen!

Am 8. Mai ist es endlich soweit: Das Tempelhofer Feld öffnet seine Pforten. Endlich können die Menschen im Norden Neuköllns die riesigen Freiräume auch selbst nutzen, die sich bisher nur unseren Augen und unseren Gedanken geöffnet haben.

Dass das zunächst nur tagsüber geschehen soll, ist wichtig und gut. Denn wenn dort auch nachts gefeiert werden könnte, wäre das Feld unmöglich in Ordnung zu halten. Damit alle ihre ungetrübte Freude an den Möglichkeiten haben können, die das Tempelhofer Feld bietet, ist Sauberkeit und gegenseitige Rücksichtnahme hier genauso wichtig wie auf der Schillerpromenade oder im Körnerpark.

Mit diesem 8. Mai beginnt für Neukölln-Nord die Zukunft. Der Zuwachs an Lebensqualität bedeutet eine hohe Verantwortung – für die Politik, aber auch für die Menschen in unseren Kiezen. Lebensqualität kann auf vielen Wegen wieder verloren gehen: z.B. indem man das Schöne wieder hässlich werden lässt. Aber auch, wenn man zulässt, dass den Menschen, die gerade begonnen haben, sie zu genießen, diese Freude wieder entrissen wird.

Neukölln wird attraktiver für alle Berlinerinnen und Berliner. Das ist gut. Der Norden Neuköllns bietet Freiräume auch für Menschen, die heute mit dem Gedanken spielen, hierher zu ziehen – weil es hier schön ist, weil sie gerne in Altbau-Quartieren leben, weil sie sich freuen, dass in Neukölln die Mieten nicht so hoch sind wie in Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Charlottenburg.

Diese neuen Neuköllnerinnen und Neuköllner sind willkommen. Wir brauchen sie. Denn es gut für einen Kiez, wenn dort viele unterschiedliche Menschen zusammenwohnen: Arme und solche mit einem geregelten Einkommen, Alte und Junge, Menschen mit deutschem und mit Migrationshintergrund, Berliner und Schwaben, Menschen mit und ohne Bildung. In solchen Kiezen können alle voneinander lernen und sich aneinander orientieren. Das sozial weitgehend entmischte Nord-Neukölln, das wir heute haben, bietet viel zu vielen gerade jungen Leuten nicht die Möglichkeiten, die sie brauchen, um ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Eines aber haben wir aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte gelernt. Die gute Mischung im Kiez fällt nicht vom Himmel. Sie muss politisch gestaltet werden. Deshalb ist es wichtig, durch harte mietrechtliche Vorgaben zu verhindern, dass Mieten schneller steigen, als die Menschen im Kiez es vertragen. Und damit bildungsorientierte und bildungsferne Neuköllner nicht in ihren jeweiligen Bildungs-Ghettos nebeneinander herleben, brauchen wir Schulen und Kitas, die durch Ganztagsbetreuung und optimale individuelle Förderung für alle gleichermaßen attraktiv sind.

Als stärkste politische Kraft in Neukölln treibt die SPD seit 2001 diesen mühseligen, aber lohnenden Prozess Stück für Stück voran. Mit der Öffnung des Tempelhofer Feldes ist ein sichtbarer Durchbruch gelungen – ein Grund zur Freude, ein Grund zum Feiern.

Also, liebe Nachbarinnen und Nachbarn: Packt alles ein und rauf aufs Tempelhofer Feld! Geht laufen, spielen, faulenzen, grillen, skaten, Fahrrad fahren und was euch sonst noch einfällt – aber denkt bitte auch daran, euren Müll hinterher wieder mit zu nehmen.



  • 04.04.2010

Savoir vivre bei Frühling, Sonne, Hundekot

In der letzten Woche kam eine zu Recht ratlose Nachbarin aus der Schillerpromenade, nennen wir sie Frau Müller, in meine Sprechstunde. Ihr Problem kennen alle: Die Verdreckung unserer Straßen durch Hundekot. Nachdem der Schnee geschmolzen ist, kam alles zum Vorschein, was sich im Laufe des Winters angesammelt hat und in der Dauerkälte tiefgefroren konserviert worden ist. Das Ergebnis: Nicht nur der Gestank ist unerträglich, sondern es wird fast unmöglich, mit sauberen Schuhen von A nach B zu kommen. Wer Kinder hat, hat auch Kot im Flur.

Frau Müller wollte von mir hören, wie die Politik mit diesem Problem umzugehen gedenkt. Meine Antwort hat sie frustriert: Es gibt kein Konzept. Der Ist-Zustand: Hundehaufen auf der Straße zurück zu lassen, ist verboten. Theoretisch kostet der Verstoß ein Bußgeld in Höhe von 35,- €. In der Praxis kann jeder machen, was er will. Denn wenn sich die Uniformen des Ordnungsamts zeigen, sind alle Hunde brav. Sobald sie nicht mehr zu sehen sind, wird der öffentliche Raum zur Großtoilette. Ich verspreche hiermit: Wer mir glaubhaft ein Beispiel für ein Hundekot-Knöllchen im Großraum Hermannstraße aus den letzten 12 Monaten nennen kann, bekommt eine Flasche Sekt.

Fragt man im Bezirk oder beim Senat nach, so kommt immer dieselbe Antwort: Wenn die Leute nicht selbst auf Sauberkeit achten, kann der Staat das auch nicht leisten. Das sei eben der Preis einer freien und offenen Gesellschaft.

Das kann ich so nicht akzeptieren. Natürlich wollen wir alle keinen Überwachungsstaat a là Singapur. Aber der Versuch, den Hundehaltern und -halterinnen dunkelgraue Tütchen zur Entsorgung in öffentlichen Spendern zur Verfügung zu stellen, hat leider keine Wirkung entfaltet. Es ist in der Tat so: Die Leute achten nicht oder jedenfalls zu wenig auf Sauberkeit. Rücksichtnahme bleibt ein Fremdwort. Deshalb ist etwas mehr Engagement von Seiten der Behörden nicht zuviel verlangt.

Beispiel Paris: Schon die deutschsprachige Website des Pariser Fremdenverkehrsamts informiert höflich, aber bestimmt darüber, was man in der Hauptstadt Frankreichs von Leuten hält, die hinter ihren Hunden nicht sauber machen. In Paris kostet ein Hundehaufen nicht 35,-, sondern 450,- € Geldbuße. Und ganz offensichtlich wird dort auch mit mehr Erfolg darauf geachtet, dass man sich an die elementaren Regeln der gegenseitigen Rücksichtnahme hält. Ergebnis: Der letzte Zeitungsbericht über ein Hundekot-Problem in Paris, den ich im Internet finden konnte, stammt aus dem Jahr 2002. Mit ist nicht bekannt, dass Paris deshalb als eine weniger freie und offene Stadt gilt als Berlin.

Ich schlage vor, dass Senat und Bezirke ihre Fachleute nach Paris schicken, um zu lernen, wie die Franzosen das hinbekommen haben. Möglicherweise ist es ihnen geglückt, ohne gegen internationale Menschenrechtskonventionen zu verstoßen. Wenn das der Fall ist, dann sollten wir es ihnen unverzüglich nachtun. Und bis wir entsprechende Erkenntnisse gesammelt haben, könnten wir wenigstens schon einmal das Berliner Bußgeld verzehnfachen. Das dürfte niemandem wehtun: Denn bekanntlich wird es bisher ja nur in seltenen Ausnahmefällen eingetrieben ...



  • 07.03.2010

Keine Gewalt!

Hätte man es mir vor einem Jahr prophezeit – ich hätte es nicht geglaubt. Und dennoch ist es so gekommen: Die Neuköllner Zählgemeinschaft, das jahrelang erfolgreiche Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken, hat sich über die Frage der politischen Gewalt zerlegt.

Zunächst die Fakten:

Seit einem knappen Jahr kommt es in Neukölln immer wieder zu Übergriffen autonomer Gruppen auf das Quartiersmanagement (vor allem im Schillerkiez). Die Mitarbeiterinnen wurden bedroht und beschimpft, es gab Sprüh- und Farbbeutel-Angriffe, Kot wurde durch das Fenster geworfen. Mein BürgerBüro am Herrfurthplatz wurde wiederholt mit Parolen besprüht; bei einem Einbruchsversuch wurde ein Fenster eingeschlagen.

Als später das Parteibüro der Grünen und die Galerie Olga Benario offenbar von rechtsextremen Tätern beschmiert und beschädigt wurden, regte die Grünen-Fraktion eine Resolution der BVV gegen rechtsextreme politische Gewalt an. Die Verordneten der SPD wollten diesen Vorschlag zu einem generellen Nein gegen jede Art politischer Gewalt ausweiten, um die Solidarität der BVV auch mit den Quartiersbüros und der SPD im Schillerkiez zum Ausdruck zu bringen. Im Ergebnis legte der Ältestenrat der BVV einen Resolutionsentwurf vor, der von den Vertretern aller Fraktionen im Ältestenrat mitgetragen wurde.

Diesen Resolutionsentwurf lehnten die Grünen in der BVV letztlich als einzige Fraktion ab, weil sie die Formulierung: "Einschüchterungsversuche gegen Personen sowohl von rechts- als auch von linksextremer Seite treffen auf unsere einhellige Ablehnung und Gegenwehr", für inakzeptabel hielten. Denn aus ihrer Sicht werde mit diesem Satz linke und rechte politische Gewalt "in einen Topf" geworfen.

Für mich ist die Haltung der Grünen unbegründet und nicht nachvollziehbar. Ich lehne jede Form politischer Gewalt ab, egal aus welcher Richtung sie kommt – aber deshalb verkenne ich doch nicht, dass sich die Gewalt der Nazis aus anderen Quellen und Zielen speist als die von Linksextremen! Und ich solidarisiere mich mit allen Opfern politischer Gewalt. Denn denen sind die Motive der Täter in der Regel vollkommen gleichgültig. Sie sehen nur, dass ihnen schweres Unrecht geschieht, und erwarten von den gewählten Repräsentanten unseres demokratischen Gemeinwesens völlig zu Recht Solidarität, Zuspruch und Hilfe.

Zu politischer Gewalt kann man nur Nein sagen. Es kann nicht das eine Nein gegen rechtsextreme, ein anderes Nein gegen linksextreme und ein drittes Nein gegen religiös motivierte Gewalt geben. Denn solche Unterscheidungen legen nahe, dass je nach dahinter stehender Absicht die eine Gewalt weniger schlimm ist als die andere. Keines der Opfer kann das so akzeptieren. Und deshalb dürfen wir es auch nicht.

Aus Sicht der SPD-Fraktion haben die Grünen mit ihrem Abstimmungsverhalten die Basis unserer Zusammenarbeit verlassen. Die SPD hat deshalb die Zählgemeinschaft mit den Grünen für beendet erklärt. Ich bedaure diese Entwicklung sehr. Denn die Mehrheit der Zählgemeinschaft war in den vergangenen neun Jahren Grundlage für eine erfolgreiche und fortschrittliche Politik. Umso mehr hoffe ich, dass die Neuköllner Grünen möglichst bald die Kraft finden, sich ohne Wenn und Aber gegen politische Gewalt jeder Denkungsart zu erklären.



  • 14.02.2010

Vorbild Intensivtäter-Konzept

Das erfolgreiche Intensivtäter-Konzept von Polizei und Staatsanwaltschaft zeigt: Wenn der Staat seine Instrumente richtig einsetzt, kann er – auch ohne Verschärfung irgendwelcher Gesetze – die Sicherheit, das Wohlbefinden, kurz: die Lebensqualität vieler Menschen in der Stadt deutlich verbessern. Das gilt vor allem für Risikoquartiere. Gerade hier ist es – nach einem Bericht des "Tagesspiegel" vom 8. Februar – gelungen, Jugendkriminalität und Jugendgruppengewalt deutlich zurückzuführen. Der Grundgedanke: Besonders kriminalitätsgeneigte Jugendlicher werden durch immer dieselben Polizeibeamten und Staatsanwälte betreut. Das führt vor Gericht früher zu härteren Strafen, beim Jugendamt zu einem früheren Eingreifen und bei den Tätern zu weniger Rückfälligkeit.

Hinter dem Intensivtäter-Konzept steht die Idee, verschiedene Behörden über sachkundige Mitarbeiter zu vernetzen. Bei den Intensivtätern arbeiten Polizei, Staatanwaltschaft und Jugendamt eng zusammen, um auf eine letztlich kleine Zahl besonders verwahrloster junger Menschen erfolgreich einzuwirken. Dieser Ansatz im Umgang mit Verwahrlosung sollte ausgeweitet werden. Denn die betroffenen Personengruppen (Jugendliche, Erwachsene, manchmal sogar große Familien) sind zwar zahlenmäßig wenige: Z.B. gibt es nur etwa 170 Jugendliche in Neukölln, die dem Intensivtäter-Profil entsprechen – in einem Bezirk mit 320.000 Einwohnern eine verschwindend kleine Gruppe. Aber durch ihr Verhalten machen sie oft ihrem gesamten Umfeld das Leben schwer – und untergraben bei vielen Menschen das Vertrauen, dass der Staat die Ehrlichen und Schwachen vor den Gewalttätigen und Kriminellen schützen kann.

Deshalb muss der vernetzte Ansatz auch bei Familien und Personengruppen zum Einsatz kommen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder zur Sorge Anlass geben: z.B. weil ihre Kinder nicht in die Schule kommen und sehr jung straffällig werden oder weil viele junge Männer aus diesen Familien in der organisierten Kriminalität in Erscheinung treten. Auch in diesen Fällen müssen die Behörden auf Fehlentwicklungen möglichst schnell und konsequent reagieren können: um den betroffenen Familien Hilfestellung zu geben, aber auch um nachteiligen Folgen ihres Verhaltens rechtzeitig deutlich zu machen.

Die mit der Betreuung solcher Familien befassten Stellen sind nicht nur Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft, sondern auch die Schule, das JobCenter, das Sozialamt, das Quartiersmanagement und gelegentlich die Ausländerbehörde. Sie alle müssen die Möglichkeit bekommen, fallbezogen übergreifend zusammenzuarbeiten, um Erkenntnisse und Informationen auszutauschen und zu beraten, welche Maßnahme am besten geeignet ist, um mit einer konkreten Problemlage fertig zu werden. Eine solche übergreifende Zusammenarbeit bietet die Chance, durch präventive Begleitung ebenso wie durch angemessene Härte einer von Verwahrlosung bedrohten Familie oder Personengruppe dabei zu helfen, dass ihre Kinder sich normal entwickeln können. Das Intensivtäter-Konzept von Polizei und Justiz kann dafür das Vorbild sein.



  • 03.01.2010

Kitapflicht: eine Idee mit Zukunft

Die SPD hat sie auf ihrem Landesparteitag beschlossen, der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky hat sie öffentlich gefordert: Was ist dran an der Idee, den Besuch der Kindertagesstätte zur Pflicht zu machen?

Bildungspolitisch ist es natürlich sinnvoll, dass alle Kinder schon in der Kita ihre Fähigkeiten entwickeln, besser sprechen lernen und im Umgang mit anderen Kindern sicherer werden. In den Stadtteilen, in denen viele Kinder aufwachsen, die zuhause nicht deutsch sprechen, ist der Kita-Besuch sogar sehr oft eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass diese Kinder in der Schule später mithalten können. Es liegt also im Interesse der Kinder, sie zum Kita-Besuch nicht nur einzuladen, sondern zu verpflichten.

Aber: Eine solche Pflicht wäre ein tiefer Eingriff in das Recht der Eltern, selbst über die Erziehung ihrer kleinen Kinder zu entscheiden. Die Kritiker des Vorschlags betonen deshalb immer wieder, dass es sogar gegen das Grundgesetz verstoße, eine Kitapflicht einzuführen.

Diese Einwände sind wichtig und auch nicht falsch. Aber sie bauen keine unüberwindlichen Hürden auf. Denn statt eine Kitapflicht einzuführen, dürfte es rechtlich sehr wohl möglich sein, die Schulpflicht auf zum Beispiel das vollendete dritte Lebensjahr vorzuziehen. Die bisherigen Kitas müssten dann zu einer knapp dreijährigen Vorschule weiter entwickelt werden. Und um Eltern entgegen zu kommen, die ihr Vorschulkind gerne zuhause erziehen wollen, könnten Kinder mit einem normalen oder überdurchschnittlichen Entwicklungsstand auf Wunsch der Eltern von der Vorschulpflicht befreit werden. Eine entsprechende Regelung kann das Land Berlin im Einklang mit Bundesrecht einführen.

Die Frage der frühen Pflicht zur Wahrnehmung der Bildungsangebote ist also vor allem eine politische, keine rechtliche. Denn auf die Grundsatzentscheidung für eine Vorschulpflicht folgen schwierige Fragen bei der Umsetzung: Welche Ausbildung muss ein Vorschullehrer haben? Welche Bildungsziele sollen erreicht werden und mit welcher Ausstattung? Und schließlich: Was kostet das alles und woher nimmt Berlin das nötige Geld? Denn anders als gebührenfrei ist die Umsetzung einer Vorschulpflicht sicherlich nicht denkbar.

Ich bin dafür, in die Diskussion über diese Fragen jetzt einzusteigen. Denn gerade für viele Kinder in Neukölln wird die Einführung einer Vorschulpflicht eine wichtige Hilfe auf ihrem Lebensweg sein.



  • 27. November 2009

... und Frieden auf Erden?

Am kommenden Sonntag ist der erste Advent: Beginn der Weihnachtszeit, einer Zeit der Besinnung auf das, was jedem wirklich wichtig ist. Ganz offenbar haben wir in Nord-Neukölln eine Besinnungsphase dringend nötig.

Das ganze Jahr hat eine Debatte über die angebliche Verdrängung armer Leute aus den Innenstadtquartieren sich immer weiter aufgeheizt. Behauptet wird, dass verstärkter Zuzug von Menschen, die in der Lage sind, höhere Mieten zu zahlen, zu Mietsteigerungen führt – die Folge: die ärmeren müssen wegziehen. Dieser Prozess wird mit dem Stichwort "Gentrifizierung" zusammengefasst (von englisch gentry, also "vornehme Leute").

Unter dem Vorwand, gegen Gentrifizierung vorzugehen, radikalisiert sich eine autonome Szene in Nord-Neukölln zusehends. Aus ihr ist die Aktion hervorgegangen, fingierte Mieterhöhungen an die Bewohner der Oderstraße und der Lichtenrader Straße zu versenden, die viele Menschen in Angst versetzt hat, außerdem eine Aktionswoche im Sommer, deren Höhepunkt das gewaltsame Eindringen auf das Tempelhofer Feld sein sollte, und Sachbeschädigungen durch Graffitti unter anderem am SPD BürgerBüro am Herrfurthplatz. Es besteht zumindest eine geistige Nähe zu denjenigen, die seit Monaten in Berlin Brandanschläge auf Autos verüben. Diskussionsveranstaltungen zur Gentrifizierung und dem Umgang mit sozialen Problemen in der Okerstraße, die im Interkulturellen Zentrum Genezarethkirche abgehalten wurden, hatten bisher keine nachhaltig befriedende Wirkung.

Als Zielscheibe haben sich "Gentrifizierungsgegner" vor allem das Quartiersmanagement im Schiller- und im Reuterkiez ausgesucht. Die Begründung: Wer das Lebensgefühl im Kiez verbessert, macht die Nachbarschaft attraktiver für Reiche und fördert so die Gentrifizierung. In dieser Logik ist das Quartiersmanagement nicht für alle da, sondern eine besonders tückische Waffe des Staates gegen die Interessen der einfachen Menschen. Als selbstdefinierte "Abwehrmaßnahme" wurde deshalb das QM Schillerkiez in diesem Jahr zum Ziel von Graffitti-Anschlägen, Verunreinigungen mit Exkrementen, aggressiven Pöbeleien aus kleinen Protestansammlungen heraus und schließlich von Einbrüchen und Zerstörungen. Das Gewaltpotenzial steigert sich ständig. Es ist offenbar nur eine Frage der Zeit, wann es zu Übergriffen auf Personen kommt.

Ich möchte die Neuköllnerinnen und Neuköllner in den betroffenen Kiezen bitten: Nehmen Sie sich gerade jetzt ein bisschen Zeit für diese Probleme. Erstens durch Information über die Fakten. Denn in der Tat: Es gibt Gentrifizierungsprozesse in Berlin. In einigen Quartieren sind die Mieten im letzten Jahr im Durchschnitt knapp neun Prozent gestiegen. Aber Neukölln ist nach wie vor einsames Schlusslicht bei der Mietentwicklung: keine vier Prozent Steigerung im vergangenen Jahr. Gleichzeitig schützt der Mietspiegel bestehende Mietverträge vor sprunghaften Erhöhungen. Mietsprünge sind nur bei Neuvermietungen möglich. Wer schon einen Mietvertrag hat, braucht sich davor nicht zu fürchten.

Zweitens bitte ich um Unterstützung für die Mietenpolitik der SPD: Erst gestern, am 26. November, hat das Abgeordnetenhaus Maßnahmen zur Senkung von Sozialmieten beschlossen, um dem Trend zu Mietsteigerungen auf dem freien Markt entgegen zu wirken. Dem von der Bundesregierung geplanten Abbau des Mieterschutzes bei Kündigungsfristen und Modernisierungen werden wir entschiedenen Widerstand entgegensetzen.

Und drittens bitte ich Sie um Solidarität mit dem Quartiersmanagement, das sich seit zehn Jahren mit den Nachbarinnen und Nachbarn dafür einsetzt, dass aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird. Denn der Soziale Friede gedeiht dann am besten, wenn viele unterschiedliche Menschen als gute Nachbarn zusammenleben: Arme und Reiche, Alte und Junge, Einwanderer und Alteingesessene, Arbeitslose und Menschen mit Arbeit, Studenten und Arbeiter. Wo das gut funktioniert, da blüht das städtische Leben. Quartiersmanagement ist ein wichtiges Instrument, um dieses Miteinander zu fördern.

Wir haben gerade in Nord-Neukölln viele Gründe uns zu freuen: Durch die Einstellung des Flugbetriebs auf dem Tempelhofer Feld ist unser Stadtteil sicherer, ruhiger und sauberer geworden. Im Mai 2010 wird das Tempelhofer Feld für alle geöffnet. Junge, kreative Menschen wohnen gerne hier. Neue Läden machen auf. Wir sollten uns auch darüber freuen, wenn wir durch Zuzug neue Nachbarinnen und Nachbarn gewinnen, und neugierig darauf sein, wie sie sich in unser Zusammenleben einbringen.

Unser Neukölln war immer offen für neue Mitmenschen. An dieser guten Tradition sollten wir festhalten. Der Intoleranz, dem Hass und der Gewalt ein klares Nein, ihren Opfern unser Mitgefühl und unsere Solidarität. Diejenigen, die ihre politischen Ziele bisher mit Gewalt statt mit Argumenten erreichen wollen, laden wir gerade jetzt in der Weihnachtszeit ein, sich auch selbst auf die Neuköllner Toleranz einzulassen. Für sie gilt: Es ist nie zu spät die richtige Entscheidung zu treffen. Gewalt ist immer die falsche.



  • 4. Oktober 2009

Abschluss und Ausblick der Bundestagswahl

Die Neuköllner Wählerinnen und Wähler haben sich mit einfacher Mehrheit (30,7 %) für die Kandidatin der CDU als Vertreterin Neuköllns im Bundestag entschieden. Da es links von der CDU keinen mehrheitsfähigen Kandidaten gegeben hat, bedeutet das: Unser Bezirk verzichtet darauf, das, was wir als die Neukölln-Themen identifiziert haben, in die bundespolitische Debatte einzubringen: die Frage, wie es gelingen kann, Menschen von Sozialleistungen unabhängig zu machen, die Frage nach Emanzipation und Aufstieg durch Bildung auch für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern, die Frage nach einer Familienpolitik, die mehr darauf setzt, erstklassige Bildungseinrichtungen zu schaffen, als Familien direkt mit Geld zu unterstützen. Offenkundig habe ich, hat die Neuköllner SPD mit ihrer These, dass Deutschland von Neukölln lernen kann, nicht überzeugen können.

Aber dennoch haben sehr viele Neuköllnerinnen und Neuköllner (27,3 %) mir ihr Vertrauen und ihre Stimme gegeben. Ihnen danke ich besonders. Ich nehme den Zuspruch und die Unterstützung, die ich bekommen habe, als Ermutigung mit auf den Weg in die politischen Auseinandersetzungen, die vor uns liegen. Ich bin überzeugt, dass eine SPD, die nahe bei den Menschen ist, die weiß, was die Menschen bewegt, die ihre Sorgen in verständliche Worte fassen und Lösungwege aufzeigen kann, auch wieder erfolgreich sein wird. Das zeigt auch der Wahlsieg von Matthias Platzeck und der Brandenburger SPD.

Die vielen Besucherinnen und Besucher meine Facebook-Seite bitte ich um Verständnis, dass es außerhalb des Wahlkampfs nicht möglich sein wird, sie so abwechslungsreich zu gestalten wie in den letzten Wochen. Mir hat der lebhafte Gedankenaustausch, der auch über diese Seite geführt worden ist, viel Freude gemacht und wichtige Anregungen gegeben. Aber die ständige Pflege und Aktualisierung einer solchen Website erfordert einen Aufwand, der außerhalb von Wahlkampfzeiten nicht auf gleichem Niveau sicher gestellt werden kann. Trotzdem lade ich weiterhin herzlich dazu ein über die hier angebotenen Kontaktmöglichkeiten auf mich zuzukommen, Hilfe zu suchen und Vorschläge zu machen.



  • 24.09.2009

Mündliche Anfrage:
"Bekämpfung von Jugendgewalt unter dem Eindruck des Vorfalls in München"

Ich frage den Senat von Berlin:

1. – Welche Schritte unternimmt der Senat zur Bekämpfung von Jugendgewalt?

2. – Ist der Senat der Auffassung, dass nach dem Vorfall in München eine Verschärfung des Jugendstrafrechts zu mehr Sicherheit in der Öffentlichkeit beitragen kann?



  • 09.06.2009

Kleine Anfrage Nr. 16/13467:
"Fachpersonal in bezirklichen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämtern"

Ich frage den Senat von Berlin:

1. – Wie sind die bezirklichen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter mit Fachpersonal ausgestattet? (bitte Stellenanteile je Bezirk)

2. – Entspricht die Personalausstattung dem Personalbedarf? (bitte Soll / Ist-Vergleich je Bezirk)

3. – Nach welchen Vorschriften und Kriterien und durch wen wurde der Bedarf an Fachpersonal in den bezirklichen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämtern festgesetzt und wann ist dies erfolgt?

4. – Hat die EU-Verordnung VO (EG) 882/2004 Einfluss auf die Höhe des Personalbedarfs, und wenn ja, mit welcher rechtlichen Verbindlichkeit?

5. – Beruht der Personalberechnungsschlüssel für die bezirklichen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter ausschließlich auf Europäischen Standards oder sind hierin auch Erwägungen des Landes Berlin enthalten?



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